Das Liebesleben der Hyäne
(Women)

In einem Brief vom August 1972 schreibt Bukowski:
"Diese Mann-Frau-Beziehungen sind angefüllt mit Schmerz und Herrlichkeit und Wärme und wunderlichen Dingen. Aber in jedem Fall ist es wert, sich darauf einzulassen."
Aus diesem Thema gestaltet er einen seiner besten Romane. Wie immer mit reichlich Zündstoff.
Im Dezember 1977 schreibt er über das Buch:
"Es ist humorvoller, verrückter und tragischer als andere Sachen dieser Art.
Und - zum Teufel damit - aber auch realistischer!"


Henry Chinaski hat mit 50 Jahren seinen Job aufgegeben und lebt jetzt von seiner Schreiberei.
Zwar wohnt er immer noch in den billigeren Vierteln von Los Angeles, aber endlich ist er die Zwänge eines geregelten Lebens los.
Er lernt Lydia kennen, eine junge Frau, die ihn mit ihrer Lebenslust aus der Reserve lockt. Eigentlich will Henry alles lieber ruhig angehen lassen. Klar also, dass es regelmässig Probleme mit Lydia gibt.

Als ich durch die Tür kam, klingelte schon wieder das Telefon. Wieder Lydia.
"Ich geh aus", schrie sie, "ich geh tanzen! Ich werd hier nicht rumhocken, während du dir einen ansäufst!"
"Du führst dich auf, als wär Trinken dasselbe wie Fremdgehen", sagte ich.
"Ist es auch! Es ist sogar noch schlimmer!"
Sie legte auf.
Ich trank weiter. Ich hatte kein Bedürfnis nach Schlaf. Bald war Mitternacht, dann ein Uhr, zwei Uhr. Die Coleman-Laterne brannte unverdrossen weiter.
Um halbvier ging wieder das Telefon. Lydia. "Bist du immer noch am Trinken?"
"Na klar!"
"Du elendes Miststück!"
"Um genau zu sein, ich pelle gerade das Zellophan von einer brandneuen Flasche Cutty Sark. Ein erhebender Anblick. Schade, dass du's nicht sehen kannst."


Neben und nach dieser Beziehung pflegt Hank Chinaski immer wieder kurze Affären mit seinen weiblichen Fans.
Der Schriftsteller geniesst es unbändig, endlich begehrt zu werden, nachdem er ein Leben voller - auch sexueller - Enttäuschungen gelebt hat. Gleichzeitig sehnt er sich aber auch nach einer echten Partnerschaft, in der er sich aufgehoben fühlen kann.
Hin und hergerissen zwischen diesen Extremen, dem schnellen Sex und der Suche nach einem Zuhause steigert sich sein Frust. Er kann nicht raus aus seiner Haut und lässt sich immer wieder mit jungen Flittchen ein, ohne dass ihn das glücklich macht.


Gegen Abend begann ich zu trinken. Es würde nicht leicht sein ohne Katherine. Ich fand einige Sachen, die sie
vergessen hatte - Ohrringe, ein Armreif.
Ich muss zurück an die Schreibmaschine, dachte ich. Kunst verlangt Disziplin. Einem Rock kann jedes Arschloch nachlaufen. Ich trank und dachte darüber nach.
Nachts um 2.10 Uhr schrillte das Telefon. Ich trank gerade das letzte Bier.
"Hallo?"
"Hallo." Es war die Stimme einer Frau.
"Ja?"
"Sind Sie Henry Chinaski?"
"Ja."
Meine Freundin bewundert ihre Bücher. Sie hat heute Geburtstag, und ich hab ihr versprochen, ich würde Sie anrufen. Wir waren ganz überrascht, dass Sie im Telefonbuch stehen."
"Ich mach kein Geheimnis aus meiner Telefonnummer."
"Jedenfalls, sie hat Geburtstag, und da hab ich mir gedacht, es wäre nett, wenn wir bei Ihnen vorbeikommen könnten."
"Von mir aus gern."

Um die Miete reinzukriegen schreibt Hank nicht nur Bücher, er tut auch das, worum er jahrelang einen Riesenbogen machte: er gibt Lesungen.


Ich nahm Tammie zu der Lesung mit. Wir waren ein bisschen zu früh dran, also gingen wir erst mal in eine Bar auf der anderen Strassenseite.
"Trink jetzt nicht soviel, Hank. Du weisst, dass du die Wörter nicht mehr richtig rauskriegst und ganze Zeilen weglässt, wenn du einen sitzen hast."
"Endlich sagst du mal was Vernünftiges."
"Du hast Schiss vor dem Publikum, nicht?"
"Ja, aber es ist kein Lampenfieber. Es ist dieses Gefühl, als wär man ein dressierter Affe auf dem Jahrmarkt.
[...]
Ich ging auf die Bühne. Sie johlten. Dabei hatte ich noch gar nichts gesagt. Ich nahm das Mikrofon in die Hand.
"Hallo. Ich bin Henry Chinaski ..."
Die Bude wackelte. Ich brauchte anscheinend nichts weiter zu tun. Die machten alles von allein. Aber man musste sich vorsehen. Betrunken wie sie waren würden sie jeden falschen Zungenschlag merken, jede falsche Geste. Man durfte ein Publikum nie unterschätzen. Sie hatten Eintritt bezahlt, sie hatten für ihre Getränke bezahlt. Dafür wollten sie etwas geboten kriegen.
Ein Kühlschrank stand auf der Bühne. Ich machte ihn auf. Es waren gut vierzig Flaschen Bier drin. Ich nahm mir eine heraus, schraubte den Verschluss ab und trank einen kräftigen Schluck. Den hatte ich jetzt bitter nötig.
Mir wurde einigermassen mulmig. Aber schliesslich hatte ich diese Gedichte geschrieben. Also raus damit.
Für den Anfang empfahl sich immer etwas Leichtes, ein Schmähgedicht. Als ich es fertig hatte, wackelten die Wände. Nur vier oder fünf Leute kamen nicht zum Klatschen. Sie hatten mit einer Balgerei alle Hände voll zu tun. Ich würde glücklich über die Runden kommen.

In diesm Stil kämft er sich durch mehrere Auftritte und mehrere Affären.
Dann lernt er Sara kennen, die Frau, bei der er schliesslich bleiben wird. Doch bis dahin stehen ihm noch einige Probleme bevor. Immer öfter sitzt er da und sinniert über das "Mann-Frau-Problem":


Ich machte mir Gedanken über das Ende von Liebesaffären.
Ein Mann musste nicht unbedingt eine Frau haben, um echte Gefühle zu erleben, aber es war trotzdem gut, wenn er ein paar kannte.
Wenn es dann schiefging, wusste er, was für ein Gefühl es ist, wirklich allein und kirre zu sein, und er wusste dann auch, was ihm bevorstand, wenn es einmal mit ihm selbst zu Ende ging.
Es gab immer Dinge, bei denen ich sentimental wurde: ein Paar Stöckelschuhe unter dem Bett; eine Haarnadel, die auf der Kommode liegen blieb; die Art, wie sie sagen "Ich muss mal Pipi machen"; gemeinsam den Boulevard entlanggehen, nachmittags um halb zwei, einfach zwei Menschen, nebeneinander; die langen Abende, die man mit Trinken und Rauchen und Reden verbrachte; die Streitereien; Gedanken an Selbstmord; ein gemeinsames Essen in guter Stimmung; die Witze und das befreiende Lachen; das Gefühl, als liege ein Wunder in der Luft; auf einem Parkplatz zusammen im Auto sitzen; sich morgens um 3 von früheren Liebschaften erzählen und Vergleiche anstellen; sie schnarchen hören und gesagt bekommen, dass man selbst schnarcht; ihre Mütter, Töchter, Söhne, Katzen, Hunde; Todesfälle und Scheidungen, und wie sie trotzdem weitergemacht und durchgehalten hatten; allein in einer Sandwichbude sitzen und die Zeitung lesen und den Ekel in sich aufsteigen spüren, weil sie jetzt einen Zahnarzt mit einem IQ von 95 geheiratet hat; Rennbahnen und Parks; Picknicks im Park; auch mal ein Aufenthalt im Gefängnis; ihre langweiligen Freunde; deine langweiligen Freunde; deine Trinkerei, ihre Tanzvergnügen; deine Flirts und ihre Flirts; ihr Tablettenkonsum, deine Seitensprünge, ihre Seitensprünge; und dann wieder miteinander schlafen ...
aber im Leben musste man sich für das eine oder das andere entscheiden, sonst ging es nicht weiter. Manche hatten mehr Herz als andere, manche interessierten sich einfach mehr für einen, und gelegentlich war es notwendig, dass man sich mit einer einliess, die äusserlich schön und innerlich kalt war, nur wegen der brutalen beschissenen Kicks, genau wie in einem brutalen beschissenen Film.



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