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Im Jahr 1978 reiste Bukowski zwei mal nach Europa. Auf der ersten fand seine legendäre (und einzige) Lesung in Deutschland statt. Aus dem Material beider Reisen entstand dieses Buch. Es ist gespickt mit Bildern des Fotografen Michael Montfort, der Buk während seiner Reise begleitete. |
| Auf der
"Ochsentour" durch Frankreich und Deutschland erleben wir einen Bukowski in
Hochform: verzweifelt und humorig, grüblerisch und ausgelassen, genervt und witzig. Schon zu Beginn poltert er ordentlich drauflos: | |
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Ich ließ von unten fünf Flaschen Weißwein bringen, und Linda Lee und ich legten uns ins Bett und fingen zu trinken an. Diese beiden französischen Herausgeber hatten vier von meinen Büchern herausgegeben. Nach ein oder zwei Flaschen nahm ich den Hörer ab und rief sie an. Einer von ihnen meldete sich. "Hör mal, du Arschloch, bist du Rodin oder bist du Jardin?" Wer auch immer dran war, ich fluchte fünf oder zehn Minuten mit ihm rum. Dann legte ich auf, und Linda Lee und ich tranken weiter. Dann rief ich wieder an. "Hör mal, du Arschloch, bist du Jardin oder bist du Rodin? Bist du Rodin oder bist du Jardin? Ich will das jetzt wissen!" Kurz danach schliefen wir ein. | |
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In Deutschland besucht er seinen Übersetzer, Carl Weissner. Die beiden
hatten sich bereits vor Jahren kennengelernt und pflegten regelmäßige
Briefwechsel. Bukowski taut langsam auf. | |
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Carl trank mit, aber er war kein Säufer; er trank meinetwegen mit, und wir tranken ganz ordentlich. Es gibt nichts, das sich einen so schnell zu Hause fühlen lässt, wie wenn man trinkt. Nach ein paar Stunden pflanzten wir uns in ein Taxi, Linda und ich, und fuhren zurück. Ich weiß davon nichts mehr, auch nicht vom Rest der Nacht. Aber wir hatten einige Flaschen mitgenommen und noch die eine oder andere getrunken, und Linda erzählte mir, ich sei ins Badezimmer gegangen und habe zu singen und zu schreien angefangen. "Amsel! Amsel! Mach's gut, Amsel!" "Amseln sterben! Alles stirbt, stirbt, stirbt!" "Wassermelonen und Hunde sterben! Frösche und Häuser! Nutten und Fische!" "Amsel, Amsel, Amsel, mach's gut!" Ich habe die Amsel da so 25 bis 30 Minuten besungen. Dann sei Linda ins Badezimmer gekommen und habe mich gebissen. Danach sei ich aus dem Badezimmer raus, ins Bett gegangen und sei eingeschlafen. | |
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Seine Begleiterin, Linda, will sich einige Schlösser anschauen und so kommt er
ziemlich rum. Auch Interviews stehen an. Endlich aber kommt der große Tag: die Lesung! und Meister Bukowski gibt noch einmal alles. Er macht sich auch Gedanken über den Verlauf... |
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Das Publikum in Hamburg war komisch. Wenn ich ihnen ein Gedicht zum Lachen vorlas, lachten sie, aber wenn ich ihnen ein ernstes vortrug, gab es starken Beifall. Eine wahrhaft andere Kultur. Vielleicht lag es daran, dass sie zwei bedeutende Kriege in Serie verloren hatten, vielleicht lag es daran, dass ihre Städte von Bomben total zerstört worden waren, die Städte ihrer Väter. Meine Gedichte waren nicht intellektuell, aber einige von ihnen waren ernst und verrückt. Ich hatte wirklich zum ersten mal das Gefühl, dass die Leute die Gedichte verstanden. Das warf mich zurück, ich musste also mehr trinken. | |
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Als schließlich der Abschied naht und Carl Weissner die beiden zum Bahnhof bringt,
wird Bukowski rührend sentimental. Obwohl er sich vornimmt, nicht zu viel nachzudenken,
landet er schließlich doch wieder bei seinen düsteren Grübeleien. |
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...und dann sagten wir auf Wiedersehen, stiegen in den Zug ein, hinzu kommt noch das Abschiedswinken durchs Zugfenster. Wenn man sowas ernst nimmt, dann ist das eins der traurigsten Erlebnisse im ganzen Leben, und am besten wendet man den Trick an, man sei gelangweilt, sonst kann einem das an die Nieren gehen, und außerdem hält der Zug nicht an oder fährt rückwärts, und so ist das also ein bißchen langsames Sterben, gar nicht gut, am besten geht man ins Abteil und setzt sich hin und sucht nach Eisenbahnkarten und Zigaretten, kontrolliert das Gepäck, so dass einem später nichts auf den Kopf fällt, kuckt nach, ob sich die Armstützen verstellen lassen, kontrolliert den Pass und die Verstopfung, überlegt anschließend, wie und wann man was zu trinken holt... [...] Aber es gab auch hier den Kampf ums Überleben, die Begierde, den Mord, den Wahnsinn, den Verrat, die Sinnlosigkeit, die Angst, den Stumpfsinn, falsche Götter, Vergewaltigung, Trunksucht, Rauschgift, Hunde, Katzen, Kinder, Fernsehen, Zeitungen, Toiletten gestrichen voll, blinde Kanarienvögel, Einsamkeit [...] Das Fernsehen hält mehr kaputte Ehen zusammen als gemeinsame Kinder oder die Kirche. Wenn man an all die Millionen denkt, die zusammenleben ohne es zu wollen, und die ihren Beruf hassen und Angst haben, ihn zu verlieren, dann wundert es einen nicht, dass ihre Gesichter so aussehen, wie sie aussehen. Es ist fast unmöglich, sich ein durchschnittliches Gesicht anzuschauen, ohne sich nicht schließlich wegdrehen zu müssen und woanders hinzuschauen, was anderes anzuschauen, eine Apfelsine, einen Felsen, eine Flasche mit Terpentin oder den Arsch von einem Hund. Selbst in den Gefängnissen und Irrenhäusern findet man keine vernünftigen Gesichter mehr... Kaum zu glauben, aber letzten Endes kam Paris, der Bahnhof von Paris. | |