Aufzeichnungen eines Aussenseiters
(Notes of a Dirty Old Man)

In den späten 60ern drang Bukowskis Ruf durch den gesamten Underground von L.A.
Die Zeitschrift Open City engagierte ihn für eine wöchentliche Kolumne. Das war die Geburtsstunde der legendären "Notes...". Hier konnte sich Buk nach Herzenslust austoben.
Er schrieb zu allen Themen, von schlechten Museen über den Tod von Kennedy bis zu Ratschlägen für Selbstmörder. Dazwischen auch haufenweise Stories. Eine solche "Kolumne" hat es vorher nie gegeben.
Das Buch ist eine Auswahl davon und war eines der ersten, die ihn dem deutschen Publikum bekannt machten.

Am Anfang steht eine seiner typischen "Tough-guy-stories". Vielleicht nicht der glücklichste Start, aber immerhin gibt es dort (im Rahmen einer Schlägerei) gleich eine sehr schöne Lebensmaxime zum Auswendiglernen:

Ich fühlte mich ganz Herr der Situation, ich war Schüler Dostojewskis und hörte Symphonien von Mahler im Dunkeln, und ich hatte Zeit, einen Schluck aus der Flasche zu nehmen...

Trotz seiner immerwährenden Behauptungen, er interessiere sich nicht für sozial-politische Themen, geben die "Notes..." eine erstaunliche Menge davon her. Wenn auch meistens über die Hintertür.
Zum Tod von Kennedy:

... Eine aufschlussreiche Bemerkung am Rande: ich fuhr am 6. und 7. Juni durch Los Angeles, und in den Negervierteln fuhren neun von zehn Autos mit Standlicht, als Zeichen der Verbundenheit mit Kennedy.
Je näher ich den ausschließlich weißen Stadtvierteln kam, desto mehr verschob sich dieses Verhältnis, und am Hollywood Blvd. und entlang dem Sunset hatte nur noch jeder zehnte Wagen die Scheinwerfer an. Und für einen Augenblick kam mir der Gedanke:
War Kennedy ein Schwarzer?

Noch ein hübsches Beispiel gegen das Klischee:

Die Öffentlichkeit nimmt sich von einem Schriftsteller, was sie braucht, und den Rest lässt sie unter den Tisch fallen. Und das ist meistens das, was sie am nötigsten hätten.
Sex ist interessant, aber nicht das einzig Entscheidende. Ich will damit sagen, es ist nicht mal so wichtig (technisch gesehen) wie Scheißen.
Ein Mann kann 70 Jahre alt werden, ohne je eine Nummer zu schieben, aber ohne Stuhlgang kann er in einer Woche tot sein.

Vor allem hier in den Vereinigten Staaten geht die Überschätzung des Sex ins Aschgraue ...

Das ist natürlich ein Schlag in die Visage der Kleingeister, die immer behaupten, Buk wäre nur auf Sex & Saufen fixiert.
Weitere eins-a-Stelle:

... Man kann Open City den Prozess machen, weil auf ihren Seiten ein alltäglicher Teil der menschlichen Anatomie abgebildet ist. Aber wenn man den Leitartikler eines Blattes mit Millionenauflage in den Arsch tritt, muss man sich darauf gefasst machen, dass er anfängt die Wahrheit zu schreiben, und sich einen alten Gummi darum schert, ob sich das auf den Anzeigenteil auswirkt oder nicht.

Er braucht nur noch einen einzigen Leitartikel durchbringen, bevor er gefeuert wird - das würde schon reichen, um eine Million Leser zum Nachdenken zu bringen; und wer weiß, was das für Folgen haben könnte...

Das also ist unser angeblich unpolitischer Bukowski.
Wer unter euch sich jetzt besorgt Gedanken macht, ob alles so engagiert zugeht, kann beruhigt aufatmen.
Der allseits beliebte Buk-Humor blüht selten so vollendet wie hier...

Ich glaube, es war einer von Freuds Lieblingsschülern (meine Ex-Frau hat ihn immer mit Vorliebe gelesen), der gesagt hat, Glücksspiel sei eine Form von Masturbation. Es muss schön sein, Köpfchen zu haben und solche Weisheiten von sich zu geben.
Wenn ich so ein gescheites Haus wäre, würde ich wahrscheinlich ähnliche Sprüche auf die Menschheit loslassen: "Sich die Fingernägel mit einer dreckigen Nagelfeile putzen ist eine Form von Masturbation."



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